Wie wichtig ist Anerkennung für pflegende Angehörige?

Wie wichtig ist Anerkennung für pflegende Angehörige? Diese Frage beantwortete unsere Vorsitzende anlässlich eines Vortrages zum Auftakt der zweiten Woche der pflegenden Angehörigen und zur Verleihung des „Pflegebären“ in Berlin am 23.09.2013. Für alle Interessierten stellen wir den Vortrag hier zur Verfügung.

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In Deutschland gibt es leider generell keine ausgeprägte Anerkennungskultur. „Well done!“ oder „Good job!“ geht den Amerikanern viel leichter über die Lippen als den Deutschen ein „gut gemacht“. Aber nicht nur im Anerkennen haben wir Nachholbedarf, sondern auch im Annehmen einer uns entgegen gebrachten Anerkennung. Das merke ich an mir selbst; Lob ist mir fast unangenehm, obwohl ich mich dann doch irgendwie freue. Und das bemerke ich auch bei anderen: bis hin zu einem Tränenausbruch vor Rührung habe ich schon fast alles erlebt, wenn ich jemandem sage: ich finde, Du machst das toll und ich bewundere Dich für Dein Engagement und Deine Kraft.

Im psychologischen und sozialen Kontext wird Anerkennung häufig als Akzeptanz, Lob oder Respekt verstanden. Wir wollen als Person wahrgenommen und bestätigt werden. Soziale Anerkennung ist quasi ein Grundbedürfnis wie Essen oder Schlafen, ohne die es schwer ist zu existieren. Gegenseitige Anerkennung ist notwendig für jede Art von Zusammenleben. Wo die Anerkennung als Person und für das eigene Tun fehlt, fühlen sich Menschen irgendwann unsichtbar. Wer nicht anerkannt wird, gerät in Gefahr, zum Außenseiter zu werden.

In der häuslichen Pflege wird in der Regel durch pflegende Angehörige nicht die viele Arbeit, die mit der Pflege verbunden ist, beklagt, sondern das Gefühl, sich immerzu anzustrengen, ohne dafür Anerkennung zu bekommen. Je größer aber die Kluft zwischen großer Anstrengung und geringer Anerkennung ist, umso größer ist auch der emotionale Stress, der zu körperlichen und seelischen Alarmzeichen führen kann. Unzufriedenheit, Resignation, Depression oder Krankheit können die Folge sein.

Im juristischen Kontext bedeutet Anerkennung die rechtliche Gleichstellung von Personen bezüglich eines bestimmten Sachverhalts. Hier erfahren pflegende Angehörige eine noch geringere Anerkennung als beruflich Pflegende. Die selbst organisierte häusliche Pflege ist gesetzlich nicht gleichberechtigt zur ambulanten Pflege durch einen Dienstleister oder zur stationären Pflege – trotz der weithin erhobenen Forderung „ambulant vor stationär“. Was für ein Widerspruch!

Die sozialen Sicherungsleistungen für pflegende Angehörige sind am ehesten mit einer „Belobigung“ zu betiteln denn mit einer echten Anerkennung durch die Politik und Gesellschaft. Wird von schlechten Bedingungen in der Pflege gesprochen, sind damit beruflich Pflegende, aber nicht die sogenannten „informell“ pflegenden Angehörigen oder ehrenamtlichen Laienpfleger gemeint. Eine fehlende Lobby verhilft auch hier den pflegenden Angehörigen nicht zu einer gleichberechtigten Wertschätzung und damit Anerkennung.

Im Austausch mit anderen entwickelt der Mensch seine Identität, Eigenschaften und Persönlichkeit. Durch die Reaktionen unserer Umwelt entwickeln und bewahren wir unser Selbstwertgefühl. Sind pflegende Angehörige gesellschaftlich akzeptiert, erhalten sie Lob und Respekt für ihre Entscheidung, einen nahen Angehörigen oder eine ihnen nahe stehende Person zu pflegen? Werden sie wertgeschätzt für ihre Tätigkeit und können sie aus dieser Wertschätzung ein hohes Selbstwertgefühl ableiten? Spontan würde ich sagen: nein oder zumindest noch nicht in ausreichendem Maße.

Was ist das also für ein Phänomen, dass wir uns mit Anerkennung so schwer tun? Die meisten wissen oder ahnen zumindest, dass das Anerkennen wichtig ist. Aber anscheinend wissen viele nicht, wie Anerkennen wirklich geht. Pflegende Angehörige brauchen eine ernst gemeinte soziale, gesellschaftliche und politische Anerkennung. Reine Lippenbekenntnisse helfen da nicht weiter.

Anerkennen braucht zunächst ein Erkennen. Um zu erkennen, muss ich kennen. Und wann kennen wir? Wenn wir gesehen, wahrgenommen und im besten Fall selbst erfahren oder erlebt haben.

Häusliche Pflege und das Engagement pflegender Angehöriger findet aber größtenteils im Verborgenen statt, so dass das mit dem Wahrnehmen schon mal so eine Sache ist. Aus den Augen, aus dem Sinn – so erleben es häufig pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen. Viel Arbeit ist daher notwendig um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das, was hinter verschlossenen Türen durch pflegende Angehörige tagtäglich geleistet wird, anerkennenswert ist.

Apropos Wert: Anerkennung wird häufig mit Wertschätzung in Zusammenhang gebracht. Aber Hand auf´s Herz: wird das, was pflegende Angehörige täglich leisten, als WERTvoll angesehen? Ich erlebe häufig Ignoranz oder Geringschätzung. Pflegende Angehörige sind zumeist Autodidakten in der Pflege. Ihre Arbeit wird nicht mit derselben Wertigkeit anerkannt wie die einer Pflegefachkraft – weder ideell noch finanziell. Häufig müssen sich pflegende Angehörige sogar mitleidig belächeln lassen, wenn sie ihrer Umwelt erzählen, dass sie pflegen. Ihre Arbeit wird z.B. auch nicht gleichgesetzt mit der Eltern- oder Erziehungsarbeit. Die Nur-Hausfrau wird teilweise immer noch geringschätzt für ihre bewusste Entscheidung zur „Familienarbeit“. Die pflegenden Angehörigen haben es vielerorts noch gar nicht ins öffentliche Bewusstsein geschafft.

Damit geringschätzt man zum Einen die Motive, aus denen heraus die meisten ihre Angehörigen pflegen: nämlich Liebe und Verantwortungsbewusstsein. Zum Anderen geringschätzt man aber auch den menschlichen und sozialen Wert ihrer Arbeit und den Wert für die Gesellschaft. Der größte Pflegedienst der Nation ermöglicht seinen Angehörigen ein größt- und längst mögliches selbstbestimmtes Leben und sichert ihre Teilhabe. Und pflegende Angehörige ersparen der Gemeinschaft Kosten in Milliardenhöhe, die ohne sie für die Pflege in stationären Einrichtungen aufgewendet werden müssten. Ohne sie wäre der Fachkräftemangel in der (beruflichen) Pflege noch viel deutlicher zu spüren als eh schon. Pflegende Angehörige erfüllen damit in der Regel alle Erwartungen und Ansprüche, die durch die Gesellschaft, die Politik, die Familie gestellt werden und die sie häufig auch an sich selbst stellen zur vollsten Zufriedenheit. Ihr Wert kann also eigentlich gar nicht hoch genug geschätzt und damit anerkannt werden.

Anerkennung kann aber nicht nur für das Tun gegeben werden. Als größte Anerkennung erlebe ich es, wenn ich als pflegende Angehörige auch für meine Bedürfnisse Anerkennung finde. Und da wird´s dann ganz schön schwierig. Allein vom guten Gefühl, meiner Tochter die bestmögliche Pflege zu geben, kann ich nicht leben. Ich brauche soziale Kontakte und materielle Sicherheit, ich möchte berufliche, aber auch soziale Anerkennung, ich möchte mich als Individuum selbst verwirklichen können und brauche Zeit für die Regeneration um nicht auszubrennen. Die Liste an Bedürfnissen ließe sich noch fortsetzen und Ihnen fallen sicherlich auch noch ganz persönliche Wünsche und Bedürfnisse ein, die durch die häusliche Pflege oftmals ins Hintertreffen geraten . Einiges ist schon auf den Weg gebracht, um auch den Bedürfnissen von pflegenden Angehörigen gerecht zu werden. Aber vieles liegt noch im Argen. Und wie so oft klafft zwischen Theorie und Praxis eine große Lücke. Dass z.B. der gesetzlich verbriefte Anspruch auf Kurzzeitpflege nicht jederorts möglich ist, ist für pflegende Angehörige keine seltene Erfahrung.

Für uns pflegende Angehörige gilt jedoch auch, nicht nur auf die anderen zu zeigen und von denen zu fordern, unsere Bedürfnisse anzuerkennen und zu erfüllen. Nein, wir haben auch eine Verpflichtung, unsere Bedürfnisse zunächst selbst zu erkennen und damit auch uns selbst in unserer Wahl und unserem Tun anzuerkennen. Selbstpflege und –sorge ist das Stichwort, das viele pflegenden Angehörigen immer noch viel zu weit von sich fern halten.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Ich übe das täglich. Jeder kann einen Beitrag dazu leisten, dass die häusliche Pflege aufrichtig wertgeschätzt und anerkannt wird.

Wir pflegenden Angehörigen sollten uns ruhig selbst mehr loben für das, was wir tun – auch öffentlich. Wer sich selbst wertschätzt, tritt anders auf, wird anders oder erstmals wahrgenommen und anerkannt.

Unsere pflegebedürftigen Angehörigen zeigen uns im besten Fall ihre Anerkennung durch Gesten oder Worte der Zuneigung und besonders da, wo Gestik und Sprache fehlen, durch ihr Wohlbefinden.

Familie, Freunde, Bekannte und Nachbarn können uns ihre Anerkennung zeigen, durch ein einfaches „Wie geht´s?“, schon durch kleinere Hilfsangebote oder indem sie den häufig größeren Aufwand für das Aufrechterhalten der sozialen Beziehungen mit uns nicht scheuen.

Politik und Verwaltung können ihren Beitrag zur Anerkennung pflegender Angehöriger leisten, indem sie den Weg für die Gleichstellung pflegender Angehöriger ebnen, Beratungs- und Unterstützungsangebote anbieten und ausbauen, Versorgungs- und Entlastungslücken erkennen und schließen und die Öffentlichkeit sensibilisieren.

Erfreulicherweise gibt es in Berlin bereits ein breites Angebot an Beratungs-, Kontakt- und Koordinierungsstellen, aber Verbesserungspotential gibt es immer – gerade auch für pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen, die – sagen wir mal – die 65 noch nicht überschritten haben.

Ich freue mich sehr, dass mit der Woche der pflegenden Angehörigen ein besonderer Weg beschritten wird, Aufmerksamkeit und damit hoffentlich auch Anerkennung für pflegende Angehörige zu erzielen. Nichts aktiviert das Motivationssystem so sehr, wie von anderen gesehen und sozial anerkannt zu werden.

Ich selbst habe den Berliner Pflegebären im letzten Jahr verliehen bekommen. Jedes Mal, wenn ich ihn trage, erinnert er mich an die Anerkennung, die ich bereits hier in diesem Rahmen erfahren durfte. Er erinnert mich auch daran, dass ich pflegende Angehörige bin, dass ich Tags und Nachts Großes leiste und dass ich auch auf mich Acht geben muss. Er motiviert mich, weiter zu machen.

Ich danke den Initiatoren, Partnern und Förderern der Woche der pflegenden Angehörigen und hoffe, allen Preisträgern und Preisträgerinnen wird es ähnlich gehen wie mir: nehmen Sie diese Auszeichnung als Anerkennung für Ihr Engagement an, freuen Sie sich über das wunderschöne Schmuckstück und erkennen Sie sich auch selbst gegenüber Ihre tägliche Leistung an und seien Sie achtsam mit sich und Ihren Angehörigen.

 

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