Wer denkt bei Pflegebedürftigkeit schon an Kinder?!

Dieser Artikel erschien erstmals am 07.05.2010 im Blog Nischenthema. Wir haben ihn hier den aktuellen Zahlen und Entwicklungen angepasst und ein wenig gekürzt.

Wird über das Thema Pflegebedürftigkeit gesprochen, assoziieren die meisten Leute in der Regel damit alte Menschen. Begriffe wie „demografischer Wandel“, „Alterspyramide“, „Demenz“, „Altenpflege“, „Pflegeheim“ werden schnell in einen Zusammenhang mit „Pflege“ und „Pflegeversicherung“ gebracht. Im Kopf entsteht das Bild vom dementen Mütterchen, wohlmöglich noch von dem Mann in der zweiten Lebenshälfte, nach einem Hirnschlag oder Unfall halbseitig gelähmt. Beide nicht mehr in der Lage, selbständig einen Haushalt zu führen und damit sich selbst zu versorgen. Aber Kinder?

Behinderte oder sterbenskranke Kinder, gut – die kann es in unserer Gesellschaft schon einmal geben. Aber pflegebedürftige Kinder? Wie hat man sich das vorzustellen? Ein sechsjähriges süßes kleines Mädchen mit einem Rollator? Ein elfjähriger hübscher Junge in einem Pflegebett? Ja, liebe Leute, genau so hat man sich das vorzustellen. Es gibt diese Kinder! Aufgrund einer angeborenen, meist genetisch bedingten Erkrankung, eines Geburtsfehlers oder eines Unfalls sind 2,84 % aller Menschen mit einer Pflegestufe in Deutschland Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 15 Jahren*. Fast alle diese Kinder und Jugendlichen werden zu Hause in ihren Familien gepflegt.

„Naja, 2,84 % ist ja nicht viel.“, werden Sie vielleicht sagen. Absolut sind das bei über 2,3 Mio. Menschen in Deutschland, die pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes (SGB XI) sind, aber rund 66.500! Jugendliche über 15 Jahren sind in dieser Zahl noch nicht einmal enthalten.

Pflegebedürftigkeit betrifft nicht nur den Pflegebedürftigen selbst, sondern beeinflusst das Leben aller mit der Pflege befassten Personen, bei Kindern und Jugendlichen vornehmlich die nahen Familienangehörigen. Die durchschnittliche Dauer der Pflege eines erwachsenen Pflegebedürftigen beträgt acht bis neun Jahre. Bei Familien mit pflegebedürftigen Kindern ist der Zeitraum in der Regel noch länger, da die meisten Kinder und Jugendlichen bereits seit dem Säuglings- oder frühen Kindesalter pflegebedürftig sind und bis ins Erwachsenenalter in ihren Familien bleiben. Eine lange Lebensphase ist damit für Kind und Familie geprägt von „Pflege“.

In Anbetracht der genannten Zahlen und der langen Pflegephase bei pflegebedürftigen Kindern verwundert es um so mehr, wie wenig Hilfs- und Informationsangebote es für pflegende Eltern gibt. Eine Umfrage des Kindernetzwerkes aus dem Jahr 2007 (Schmid; Kreutz 2007) belegt, dass sich nur knapp 40 % aller befragten Eltern ausreichend zur Pflegeversicherung informiert fühlen. Noch nachdenklicher stimmt das Ergebnis bei der Frage nach einem ausreichenden Informationsangebot zu Entlastungsmöglichkeiten: nur knapp 29 % der Eltern wissen um ihre Ansprüche, sich kurzzeitig oder stundenweise von der Pflege erholen zu können.

Und die wenigen Eltern, die informiert sind und eine Auszeit nehmen wollen oder müssen, müssen mitunter feststellen, dass es keine passenden Angebote für pflegebedürftige Kinder und Jugendliche gibt. Das variiert von Bundesland zu Bundesland. Die individuellen Entlastungsmöglichkeiten hängen demnach vom Wohnort ab, von den vor Ort ansässigen Einrichtungen und ihrem Willen, gezielt Angebote für pflegebedürftige Kinder und Jugendliche vorzuhalten und den persönlichen Ressourcen der Eltern an Zeit, Informiertheit und Durchsetzungsvermögen.

Zusammenfassend kann man aber sagen, dass sich der riesige und sicherlich auch lukrative „Pflegemarkt“ eher auf das große „Tortenstück“ der alten, pflegebedürftigen Menschen konzentriert. Die Begründung: Entlastungsangebote würden von Familien mit pflegebedürftigen Kindern und Jugendlichen vornehmlich in den Ferienzeiten nachgesucht. Eine ökonomische Auslastung der Einrichtung ließe sich so nicht erzielen, entsprechende Angebote „rechnen“ sich also nicht.

Dieser Umstand führt dazu, dass nur ein sehr geringer Anteil aller pflegenden Eltern tatsächlich Entlastungsmöglichkeiten in Anspruch nimmt (nehmen kann). Das darf meiner Meinung nach so nicht bleiben.

Die tägliche Arbeit pflegender Angehöriger entlastet die Solidargemeinschaft um große Summen. Dazu muss man nur einmal in Betracht ziehen, dass ein Platz in einem Pflegeheim im Monat um die dreieinhalbtausend Euro kostet, ein Pflegebedürftiger, der zu Hause gepflegt wird, jedoch höchstens ein Pflegegeld von 685 Euro (Pflegestufe 3) erhält. Auch wenn die Pflegeperson darüber hinaus rentenversichert ist, ergibt das immer noch einen satten Schnitt für die Gemeinschaft. Da wirkt die Aussage, reine kindgerechte Angebote würden sich nicht rechnen, schon recht zynisch. Das haben die betroffenen Familien nicht verdient!

Ich finde, es ist höchste Zeit, dass pflegebedürftige Kinder und ihre Familien mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen und unterstützt werden. Auch diejenigen Einrichtungen, die bewusst Angebote für Kinder und deren Familien bereithalten, verdienen Anerkennung.

Ich hoffe, dass das von Gesundheitsminister Rösler ausgerufene Jahr der Pflege den „Pflegefall Kind“ nicht unberücksichtigt lässt. Es gibt viel zu tun, damit die betroffenen Familien wenigstens die Entlastungsmöglichkeiten nutzen können, die das Pflegegesetz für pflegende Angehörige vorsieht. 

Vielen Dank sagt die Mutter eines schwerst pflegebedürftigen Kindes.

Herzlichst, Claudia Groth

*Pflegestatistik 2009 des Statistischen Bundesamtes – Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung – Deutschlandergebnisse Dezember 2009

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