Demografischer Wandel nur Scheinargument?

Egal, auf welcher Veranstaltung man ist oder welche Berichte man liest, zum Thema Pflege wir allerorten und bei jeder sich bietenden Gelegenheit der demografische Wandel ins Feld geführt. Die Zunahme älterer Menschen an der Gesamtbevölkerungszahl sei „schuld“ am Fachkräftemangel in der Pflege und wird als Argument angeführt, um ausschließlich eine bessere Versorgung für alte und demente Menschen zu fordern.

Demografie befasst sich hingegen mit Veränderungen in ALLEN Bevölkerungs- und Altersstrukturen. Das wird gerne – bewusst? – vergessen.

Es gibt schlaue Köpfe in diesem Land, die den allgemeinen Verlautbarungen widersprechen, dass eine Zunahme der Zahl älterer Menschen automatisch mit einer steigenden Zahl Pflegebedürftiger im Alter einhergehen wird. So führt Bernard Braun in der Zeitschrift für Gesundheitsberufe Dr. med. Mabuse Nr. 195 in einem Beitrag ab S. 22 u.a. aus, dass wir gesünder älter werden und der Demografie-Diskurs offensichtlich gerne genutzt wird, „dem Alter Effekte anzuhängen, die in Wirklichkeit entweder Folgen von Umverteilungsprozessen oder von politischem Imobilismus oder massiv interessengeleiteter Prioritätensetzung sind.“

Christoph Butterwegge sieht es ähnlich. Auch er weist darauf hin, dass „mit dieser Form der Mathematik bzw. der Statistik ganz gezielt Politik gemacht“ wird und wirft den politischen Akteuren vor, die angebliche Vergreisung zur Durchsetzung von Renten- und Sozialkürzungen zu missbrauchen. „Man reduziert soziale auf demografische Probleme, d.h. letztlich auf biologische Prozesse, was sie einer Lösung im Interesse der großen Bevölkerungsmehrheit entzieht.“

Was Christoph Butterwegge beschreibt, empfinden auch viele Familien mit Kindern und Jugendlichen mit chronischen oder schweren Erkrankungen, Behinderungen oder Pflegebedürftigkeit:mit Verweis auf die zunehmende Zahl älterer Menschen erleben sie Leistungskürzungen und sollen sich damit zufrieden geben, dass Entlastungsmöglichkeiten, die die Pflegeversicherung auch für sie vorsieht, „mangels Masse“ nicht vorgehalten werden.

Wir sollten also beim Stichwort Demografie aufmerksam bleiben. Und die weitere Diskussion zu diesem Thema dafür nutzen, ein Kinderbewusstsein zu erreichen.

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2 Antworten auf Demografischer Wandel nur Scheinargument?

  1. Silke sagt:

    Ein sehr interessanter Artikel und schlüssige Argumente um noch einmal neu darüber nachzudenken. Neben den allgemein verbreiteten Informationen. Vielen Dank!!

  2. Sehr guter Diskussionsbeitrag. Leider wird von interessierten Kreisen die Diskussion unter fortlaufend falscher Verwendung des Begriffs in einem Maß voran getrieben, dass nur Vermeidung des Begriffs noch helfen kann dem Missbrauch auch noch dienlich zu sein. Das muss sich noch rumsprechen, selbst kluge Köpfe haben da noch eine Denkblockade (wenn man ihnen nicht unterstellen will, dass sie das Geschäft der Gegenseite betreiben).

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