Neues Portal für pflegende Angehörige – Kinder bleiben außen vor

Mein persönlicher „Aufreger“ der Woche:

Zurzeit wird der Start der neuen Internetplattform „pflegen-und-leben“ in vielen Medien verkündet. Die Idee dahinter ist, dass pflegende Angehörige online Fragen und Probleme im Zusammenhang mit der häuslichen Pflege an ein geschultes Psychologenteam richten können. Im weitesten Sinne handelt es sich um ein Präventionsprojekt, um Belastungen abzumildern und Überlastungssituationen zu vermeiden (Stichwort: Gewalt in der Pflege).

Der unbefangene Angehörige eines pflegebedürftigen Familienmitglieds freut sich nach dem Motto „Hey, da passiert was für uns!“ und sieht sich auf der Seite um.

Der anfänglichen Hoffnung folgt Ernüchterung, nämlich dann, wenn man Angehörige/r eines pflegebedürftigen Kindes ist. Die Ansprache auf der Seite richtet sich ausschließlich an Angehörige von pflegebedürftigen älteren Menschen, die Bilder unterstreichen die ausgewählte Zielgruppe.

Ein erster Hinweis auf der Homepage besagt, dass das Projekt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert ist. Da müssten Familien mit pflegebedürftigen Kindern und Jugendlichen doch eigentlich vertreten sein, oder? Auch die das Projekt umsetzende Catania gGmbH setzt sich u.a. für die Prävention häuslicher Gewalt sowie die nachhaltige Verbesserung der medizinischen und psychosozialen Versorgung von traumatisierten Kindern und Jugendlichen ein. Super! Auch sie haben junge Menschen „auf dem Radar“. Warum schließt dieses Projekt dann von mir geschätzte über 150.000 pflegende Angehörige von Kindern und Jugendlichen mit einer Pflegestufe in Deutschland aus?!

Der Grund ist mal wieder höchst bürokratisch (und typisch deutsch?); das Lösungswort lautet: ZUSTÄNDIGKEIT. Die weitere Recherche ergibt nämlich, dass das Projekt aus dem Bundesaltenplan finanziert wird und deshalb die (psychologische) Beratung nur für Angehörige angeboten werden dürfe, die ältere Menschen pflegen.

Entschuldigung, da hört bei mir als Mutter eines schwerbehinderten Kindes mit Pflegestufe 3 der Spaß auf. Die Erfahrung, zwischen allen Stühlen zu sitzen, machen Familien mit einem behinderten oder chronisch kranken Kind allzu oft. Eine Stelle verweist an die andere und fühlt sich im Zweifel erst einmal nicht zuständig. Dieses Projekt ist eines von vielen Beispielen, die zeigen, dass die betroffenen Familien sehr häufig außen vor bleiben – wegen der Zuständigkeit.

Ich finde, dieser Aufreger ist es wert, einen Brief zu schreiben an die Bundesfamilienministerin, die projektverantwortliche Catania und die Ombudsfrau zur Entbürokratisierung in der Pflege. Falls ich jemals eine Antwort erhalten sollte, werde ich hier gerne berichten.

Herzliche Grüße an alle pflegenden Eltern,

Claudia Groth, 1. Vorsitzende Kinder Pflege Netzwerk e.V.

Wir bedanken uns für die Verbreitung dieses Artikels als Gastbeitrag auf anderen Blogs bei nischenThema, Hauptstadtblog, Politgirl, patchworkhof, anerkennung-sozial, HFs Libreta, bürgerblog blankenheim und pflegerleben

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15 Antworten auf Neues Portal für pflegende Angehörige – Kinder bleiben außen vor

  1. stephie loos sagt:

    Liebe Claudia,

    gern würde ich Deinen Brief mit unterschreiben … können wir nicht einen gemeinsamen Brief verfassen, dass es auch zu pflegende Kinder – oft genug intensiv – gibt?
    Sicher können wir auch andere Vereine und Eltern zur Unterschrift eines solchen Briefes bewegen, ich helfe gern mit!
    Ich habe ebenso die Nase voll, egal wo man ist, vom Thema „alte Menschen“ überrollt zu werden und die Kinder werden gänzlich vergessen. Dabei liegt doch in Kindern die Zukunft, heißt es immer, nur meint man damit wohl nicht unsere …

    Die heftig kopfschüttelnde Stephie

  2. Rembel sagt:

    Als Krankenpfleger der in der Kinderpsychiatrie tätig ist habe ich einen gewissen Einblick in diese Thematik und gebe dir meinen vollen Zuspruch. Wir von Pflegerleben.de würden dich gerne unterstützen und werden in erster Linie einen Link auf diesen Post einrichten damit mehr Menschen deine Artikel lesen. Desweiteren werden wir selbst in nächster Zeit einen Artikel in diese Richtung veröffentlichen, in welchem wir häufiger auf deinen Artikel verweisen werden. Solltest du das nicht wollen reicht ein kurzer Eintrag in unser Gästebuch.

  3. Werte Frau Claudia,
    nicht nur der Normalbürger meint „Pflege ist Altenpflege“ und „Versorgung ist behinderten Kinderpflege“. Das resultiert auch aus der Sicht, dass auch gesunde Kinder versorgt werden.
    Es gibt noch andere zahlreiche Projekte welche sich nur um das Thema „Altenpflege“ bemühen, auch aus wahltaktischen Erwägungen, Lobbyarbeit usw.
    Bei einem Projekt nach ihren Vorstellungen müßten z.B. auch Familienpsychologen im Projekt dabei sein, denn Altenpflege ist leider meist der Job einer Einzelnen. Wenn es um Kinder geht ist mehr die ganze Familie beteiligt.
    Dennoch ist Ihr Unmut verständlich und sollte auch publiziert werden. Eine Nachbesserung wird bestimmt nicht erfolgen. Man kann nur auf mehr Weitsicht und Kompetenz hoffen. Das wäre dann aber ein anderes Projekt.

  4. Mina sagt:

    Hallo Claudia,

    Du hast es klar auf den Punkt gebracht!
    Was ich besonders bitter finde ist, dass die Seite versucht sich als Hilfe für alle pflegenden Angehörigen darzustellen und wie selbstverständlich Kinder ausschließt.

    Wenn es so dargestellt wäre wie es tatsächlich ist, nämlich dass es eine Anlaufstelle rein für Pflegende alter Menschen ist, wäre der Ausschluss der Kinder zwar trotzdem traurig, aber in einer anderen Qualität.

    Diese Selbstverständlichkeit erschüttert mich.

    Vielen Dank für Dein Engagement!

    • Claudia sagt:

      Vielen Dank für Eure Kommentare,

      erst einmal freut es mich, dass ich mit meiner Wahrnehmung nicht alleine dastehe – wenn man von „freuen“ in diesem Zusammenhang überhaupt sprechen mag.

      „Kinder in der Pflegeversicherung“ ist einfach keine Thema, also wollen wir es zum Thema machen. Ich habe einen ersten Kontaktanlauf mit der Projektverantwortlichen genommen. Mal sehen, ob sie mir antwortet.

      @Rembel Verlinkungen sind sehr hilfreich, vielen Dank. Schickt uns doch Euren Artikel, wenn er fertig ist. Ich könnte mir vorstellen, dass die Probleme in der Kinderpsychiatrie auch nicht ohne sind.

      @Gerd Stowczynski Die von Ihnen angeführte notwendige psychosoziale Versorgung der Familien ist meines Erachtens nicht beschränkt auf Familien mit pflegebedürftigen Kindern. Das Problem ist eher, dass diese nicht bezahlt wird, weil es dafür keine „Kostenstelle“ gibt. „Psycho“ ginge ja noch, aber auch noch „Sozial“?! So etwas überfordert unser deutsches System. Dann wären nämlich schon wieder mindestens zwei Stellen ZUSTÄNDIG … Solche Projekte funktionieren meistens nur im Rahmen eines Modells oder aufgrund eines hochengagierten Teams, das Mittel und Wege findet, so etwas dann doch anzubieten.

      Eine Nachbesserung erwarte ich ebenfalls nicht. Ich wäre schon beruhigt, wenn die Kinder zukünftig nicht vergessen würden. Also müssen wir weiter machen, nach dem Motto „dicke Bretter bohren“.

  5. Jürgen Blidschun sagt:

    Sehr geehrte Frau Groth,

    nach dem ersten „Genau“ und noch einmal eine Nacht drüber schlafen, möchte ich doch kurz dazu Stellung nehmen:
    1. als Vater eines Kindes mit Down-Syndrom freue ich mich über jede neue Hilfe/ Information;
    2. der Titel „Pflege-und-Leben.de“ weckt zumindest Erwartungen von Eltern, die die Seite dann jedoch nicht zum Thema hat: das ist bedauerlich, aber ich glaube nicht aus „Boshaftigkeit“ passiert;
    3. Warum wurde die Pflege von Kindern vergessen? Vielleicht hat man in den politischen Etagen den Eindruck, dass es ausreichend Organisationen von Eltern für Eltern, Lebenshilfen und andere gibt, vielleicht sind aber auch andere Aspekte wie politische Zielgruppen, Haushaltsmittel … die Ursache. Ehrlich gesagt: ich weiss es nicht und will daher auch nicht spekulieren;
    4. Die Probleme sind bei Kindern häufig anders gelagert und daher würde so ein eigenständiges Projekt mit Zielrichtung „Pflege von Kindern“ bestimmt Sinn machen, denn die Pflegenden von älteren Menschen freuen sich bestimmt auch darüber, wenn es eine Seite für sie gibt, auf der sie sich nicht durch zahlreiche Tabs durchwühlen müssen.

    Mein Fazit: So eine Seite auch für die Pflege von Kindern wäre bestimmt eine gute Sache; also Fragen wir doch einfach mal Frau Ministerin Schröder oder Herrn StS Kues, ob sich da was machen läßt und wie, oder die führenden Köpfe im Bundesministerium für Gesundheit (Herausgeber Ratgeber zur Pflege).

    Viele Grüße

    Jürgen Blidschun

  6. Liebe Claudia,
    ich habe irgendwie und irgendwann beschlossen, das Thema einfach abzuhaken, obgleich wir auch betroffen sind. Aber, dafür bist du jetzt da und kannst dich intensiv um das wichtige, immer vergessene Thema kümmern mit all deinem Herzblut. Ich danke dir dafür.

    LG Doreen

    • Claudia sagt:

      Vielen Dank für die weiteren Kommentare.

      Gestern abend erreichte mich der Anruf der Projektverantwortlichen. Ich habe Sie eingeladen das, was sie mir „informell“ am Telefon antwortete, doch gerne hier über die Kommentarfunktion allen Interessierten öffentlich zu machen. Wollte sie nicht, sei nicht ihre Art. Okay. Ich hoffe, es ist trotzdem für sie in Ordnung, wenn ich unser Gespräch hier wiedergebe.

      In der Projektvorbereitung sei das geldgebende BundesFAMILIEN(!)ministerium darauf hingewiesen worden, dass es auch pflegebedürftige Kinder gibt. Auch würde kein Angehöriger eines pflegebedürftigen Kindes auf dem Portal abgewiesen. Nur welche Mutter, welcher Vater käme beim Wording der Seite überhaupt noch auf die Idee, tiefer einzusteigen?! Nach der Evaluation des Projekts könne sie sich vorstellen, das Angebot auch auf andere Bezugsgruppen zu erweitern. Frühester Termin hierfür: 2013. Der einzige (offizielle) Grund für den Ausschluss von Angehörigen von pflegebedürftigen Kinder sei somit die Finanzierung aus dem BundesALTENplan. Im Übrigen seien die Probleme von pflegender Angehörigen älterer Menschen doch anders gelagert als bei Eltern.

      Frau W. durfte mir den direkten Veranwortlichen beim Ministerium nicht nennen. Ich sollte für weitere Recherchen doch bitte den „normalen“ Postweg wählen.

      Hm, was mache ich mit dieser Auskunft? Ein kurzer Weg, um mit dem verantwortlichen Ministeriumsmitarbeiter in Kontakt zu treten, ist nicht gewollt. Dann also doch der große Wege über die Spitze? Warum so steif? Warum macht man es einer seiner direkten Zielgruppe so schwer, miteinander ins Gespräch zu kommen? Wahrscheinlich fühlt sich der Mitarbeiter einfach nicht ZUSTÄNDIG. Huch! Hatte ich das nicht schon einmal?

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  9. Ute sagt:

    Hallo Claudia,

    wie wär’s wenn du diesbezüglich auch Kontakt zum Bundesbehindertenbeauftragten Hubert Hüppe aufnimmst? Ich finde, er sollte auch darüber informiert werden. Vielleicht kann er auf der Ebene was bewirken!

    LG Ute

  10. Susann sagt:

    Hallo Claudia,

    und wenn du dich direkt an den Bundestag (Deutscher Bundestag, Platz der Republik 1, 11011 Berlin,
    Telefon: +49 (0)30 227 0, E-Mail: mail@bundestag.de) wendest?

    Oder an ein etwas größeres Regionalblatt einen offenen Brief schreiben, vielleicht greifen sie das Thema ja auf?

    LG Susann

    • Claudia sagt:

      An den Bundestag zu schreiben wäre wahrscheinlich genauso bürokratisch und hürdenreich wie an das eigentlich zuständige Ministerium. Oder hat jemand andere Erfahrungen?

      Herr Hüppe wurde mir schon von mehreren Gesprächspartner empfohlen. Das könnte man ja einmal probieren.

      Ich hoffe, bald die Zeit zu finden, DEN BRIEF zu formulieren. Die Geschichte wird also weitergehen ..

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