Ein Plädoyer für mehr Kurzzeitwohnplätze für Kinder

Da schwerst- und mehrfachbehinderte Kinder heute immer länger leben, wächst auch der kurzzeitige Betreuungs- und Pflegebedarf außerhalb der Familie stetig an. Besonders gefragt sind Kurzzeitpflegeeinrichtungen. Doch das Angebot reicht längst nicht aus.

Daheim statt Heim
Die große Mehrheit der Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen lebt in ihren Familien. Wie in der Pflege allgemein lautet auch hier die Devise: ambulant vor stationär. Für Familien ist es eine große Herausforderung, den Alltag mit einem Kind mit Behinderung und/oder einer chronischen Erkrankung zu meistern und es groß zu ziehen. Kommen zusätzliche psychosoziale Risikofaktoren hinzu, ist die adäquate Betreuung, Pflege und Erziehung dieser Kinder gefährdet. Je höher der Problemdruck in einer Familie und je geringer die Ressourcen, desto wahrscheinlicher ist eine Dekompensation des gesamten Systems „Familie”.

pflegebedürftige Kinder leben in ihren Familien

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Die Zahlen der Kinder mit somatischen Entwicklungsrisiken, wie etwa Zustand nach Frühgeburt, Sinnesstörungen, cerebrale Bewegungsstörungen oder Down-Syndrom, die eine Pflegestufe zuerkannt bekommen haben, sind hoch. Nach der Pflegestatistik von 2009 haben 66.474 Kinder bis zu einem Alter von 15 Jahren eine Pflegestufe. Davon werden 66.116 (knapp 99,5%) zu Hause versorgt. Gegenüber 2007 hat die Zahl der pflegebedürftigen Kinder um 5,2% zugenommen. In Anlehnung an eine differenziertere Auswertung des Statistischen Bundesamtes zu seiner Pflegestatistik 2007 kann man von einem Verhältnis der Pflegestufen I, II und III in dieser Altersruppe von etwa 3 : 2 : 1 sprechen.

Unterstützungsleistungen als Schutzfaktoren für die Famlie
Die politische und gesellschaftliche Erwartung an die Familien, die Pflege und Betreuung ihres behinderten und/oder chronisch kranken Kindes in der Häuslichkeit zu leisten, muss in einer ausreichenden Unterstützung für die Familien münden. Die Geburt eines Kindes mit Behinderung und/oder einer chronischen Erkrankung hat eine tiefe Wirkung auf die gesamte Familie und erfordert eine hohe Unterstützungsleistung, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Familie. Im Falle eines pflegebedürftigen Kindes hat auch die Kurzzeiteinrichtung einen zentralen Stellenwert innerhalb des familienunterstützenden Versorgungsnetzes, um die Hauptpflegepersonen – in der Regel die Mütter – nicht vollends zu überfordern.

Kurzzeitwohnen – ein Beispiel
Die „Kleine Oase” ist dafür ein Beispiel. Sie versteht sich als eine Einrichtung, in der junge Menschen mit Behinderungen kurzzeitig zu Gast sein können. Dies bedeutet in der Regel Aufenthalte, die zwischen drei Tagen und drei Wochen liegen. Als Einrichtung der Einglie- derungshilfe suchen Familien wiederholt die „Kleine Oase” auf, so dass Fördermaßnahmen mit zeitlichem Abstand wieder aufgenommen und somit auch längerfristige Ziele angeg- gangen werden können. Die Eltern sehen die „Kleine Oase“ als eine Einrichtung ausschließlich für Kinder an. So ist mit knapp 60% die Gruppe der unter 14-jährigen Jungen und Mädchen vertreten. Über 85% der Gäste sind der Pflegestufe III zugehörig.

Die „Kleine Oase” ist ein Beispiel für eine der wenigen Einrichtungen in Deutschland, die von erschöpften Eltern für eine kurzzeitige Betreuung außer Haus gezielt angesteuert werden kann.

Modellregion Kurzzeitwohnen NRW
In Nordrhein-Westfalen ist das Konzept Kurzzeitwohnen beispielgebend für Deutschland. In Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband „Westfalen Lippe” kooperieren zurzeit in einem Arbeitskreis 15 Einrichtungen aus dem Bereich des Landschaftsverbandes „Westfalen Lippe”, zwei Einrichtungen aus dem Bereich des Landschaftsverbandes „Rheinland” und jeweils eine Einrichtung aus Hessen und Niedersachsen, um gemeinsame Qualitätsstandars für das Kurzzeitwohnen für junge Menschen zu entwickeln und festzulegen.

Kurzzeitwohnen ist ein Baustein in dem System der Versorgung für Menschen mit schweren und schwersten Behinderungen. Es bietet die kurzeitige Betreuung von Kindern und Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ganz speziellen Bedürfnissen in einer Einrichtung, die all das bietet, was diese benötigen: Den Alltag begleiten, Handlungen unterstützen, Prozesse anregen, Brücken zu Kommunikation anbahnen, Teilhabe ermöglichen. All diesen Aufgaben haben sich die Mitarbeiter einer Kurzzeiteinrichtung zu stellen. Wichtig ist ebenso die Pflege und Versorgung, die fachlich qualifiziert und zugewandt zu gewährleisten sind.

Diese Arbeit nur dann wirkungsvoll, wenn die gesamte Familie in den Mittelpunkt gesetzt wird und alle öffentlichen Ressourcen mit einbezogen werden, die dieses System unterstützen können, damit auch Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in dem gewohnten Umfeld ihrer Familie leben können. Nur durch eine Kombination aller Hilfen ist es möglich, adäquate und individuelle Unterstützungsangebote zu installieren. Im Zusammenspiel all dieser Maßnahmen haben Kurzzeiteinrichtungen einen zentralen Stellenwert.

Es gibt viel zu wenig Angebote
„Nur eine zufriedene Mutter ist eine gute Mutter”. Die Hauptpflegepersonen – die Mütter – sind bescheiden: einmal durchschlafen, nicht auf die Uhr schauen müssen, auftanken können!

Diese Ziele werden erreicht durch einen Aufenthalt des Kindes in einer Kurzzeitein-richtung. Der Zeitraum und die Anzahl der Aufenthalte sind von den Eltern frei gewählt. Dadurch ist eine individuelle Urlaubsgestaltung möglich. 30 Tage im Jahr scheinen ausreichend für das, was Mütter vor allem brauchen: Erholung! Die Angst krank zu werden, zu erschöpft zu sein, um die Versorgung des Kindes sicherstellen zu können, ist groß.Die Mütter stellen ihre eigene Gesundheit zur Disposition. „Mit dem Kopf unter dem Arm” wird weiter geschafft – und das 365 Tage im Jahr.

Väter und Mütter sind Experten für die Bedürfnisse ihrer Kinder. Allen Eltern gemeinsam ist der Wunsch nach Erholung und Entspannung – aber nur, wenn sie das Vertrauen haben, dass ihr Kind gut und sicher aufgehoben ist. Die größte Schwierigkeit für Eltern mit einem Jungen oder Mädchen mit Behinderung ist es derzeit, überhaupt eine Einrichtung zu fin- den, in der die Pflege und Betreuung ihrer Kinder gesichert ist. Es ist daher dringend notwendig, bundesweit Kurzzeiteinrichtungen in das Versorgungssystem zu implementie- ren, um die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass Kinder mit schwersten Behinderungen auch auf Dauer in stabilen Familiensystemen leben können.

Dieser Artikel greift den Beitrag von Dr. Walter Wittig in der Kindernetzwerk-Materialiensammlung „Neue Morbiditäten im Kindes- und Jugendalter“ auf.
Dr. Walter Witting
Kleine Oase Datteln
Leiter Kurzzeitwohnen für Kinder und
Jugendliche mit Behinderungen
kleineoase@t-online.de

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