Die große Not in der (Kinderkranken)Pflege

Kann der ambulante Pflegedienst den Vertrag kündigen, wenn die Betreuung wegen eines Krankenhausaufenthaltes unterbrochen ist? Diese Frage stellten wir einem ambulanten Kinderkrankenpflegedienst. Hier die Antwort:

„Leider können wir nur eine traurige Antwort bieten. Ja, der bisherige Pflegedienst kann so handeln!

Wir haben immer sofort folgende Probleme:

personell

Was macht man mit den, für dieses Kind eingeplanten Mitarbeitern? Es bleiben nur wenige, zeitlich sehr begrenzte Alternativen. Entweder bedeutet solch eine Situation unfreiwilliger Urlaub für die Mitarbeiter oder sie bummeln Überstunden ab oder sie unterstützen andere Teams.

finanziell
Die Mitarbeiter müssen bezahlt werden, auch wenn der Pflegedienst in dieser Zeit keinen Cent abrechnen kann! Außerdem ist ein wesentliches Zulassungskriterium für einen Pflegedienst die Wirtschaftlichkeit. Dies wird durch den Medizinischen Dienst sehr genau geprüft.

Pflege unter Sparzwang_by Ambro

Ein Pflegedienst ist sozusagen der „Subunternehmer“ der Krankenkassen. Diese haben kein Interesse daran, dass ein Pflegedienst, der viele Patienten versorgt, pleite geht, weil schlussendlich die Krankenkassen für die Versorgung ihrer Versicherten zuständig sind. Sie müssten im Zweifelsfall sofort die Versorgung sicherstellen.

Den Pflegediensten ist also an dieser Stelle, wie ich finde, kein Vorwurf zu machen. Meist reizen diese eine solche Situation bis zur Selbstgefährdung aus und die Mitarbeiter sind extrem kooperativ. Es ist nicht so schön wenn die Kollegen Jahresurlaub so nehmen müssen wie es die dienstlichen Erfordernisse verlangen. Sie haben ja auch Familien mit schulpflichtigen Kindern.

worst case – mehrere Kinder gleichzeitig im Krankenhaus
Wir hatten jüngst den Fall von fünf Wochen Krankenhausaufenthalt. Das bringt Unternehmen und Mitarbeiter an den Rand des Tragbaren. Bei der Versorgung Schwerstkranker ist der schlimmste Fall für einen Pflegedienst, dass mehrere Kinder gleichzeitig ins Krankenhaus kommen – was nicht unwahrscheinlich ist.

Die Krankenkasse ist in der Pflicht
Die Möglichkeit für die betroffene Familie liegt genau in der Verantwortlichkeit der Krankenkasse. Man muss die Kasse massiv daran erinnern, das sie eine Einrichtung oder einen Pflegedienst findet, der das Kind so lange im bewilligten Zeitraum versorgt, bis eine dauerhaft tragfähige Lösung gefunden ist. Die Krankenkasse ist in der Verantwortung!

häusliche und professionelle Pflege in Not_by Simon Howden

Zusätzlich sollten alle Möglichkeiten von ehrenamtlichen Helfern (Einzelfallhilfe, Familienhelfer) eingeschaltet werden. Da gibt es regional sehr unterschiedliche gesetzliche Grundlagen und Möglichkeiten. Unbedingt muss das Jugendamt mit ins Boot geholt werden. Auch sollten sich die Eltern nach dem/der Behindertenbeauftragten erkundigen und dort ihre Problemlage schildern. Auch die Pflegestützpunkte, so sie denn vorhanden sind, sind in der Beratungspflicht.

Vielleicht bildet sich so ein Helfernetz, dass nicht unbedingt aus Pflegefachkräften besteht, dass aber die Familie soweit entlasten kann, dass die Eltern überbrückend die Pflege ihrer Tochter leisten können.

Solche Situationen erleben wir immer wieder
Da die Krankenhäuser nach DRG’s (Anmerkung der Verfasserin: Diagnosebezogene Fallgruppen) abrechnen, hat die Klinik ihre Möglichkeiten vermutlich bereits ausgeschöpft, das Kind länger dazubehalten. Ich fürchte, die dürfen das … Solche Situationen erleben wir immer wieder. Die Krankenhäuser sind meist insoweit kooperativ wenn man darstellen kann, dass die ambulante Versorgung unmittelbar bevorsteht.

Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern bereits fünf nach zwölf
Es ist eben inzwischen so, das der Pflegenotstand auf allen Ebenen angekommen ist. Es ist nicht „fünf vor zwölf“, sondern bereits „fünf nach zwölf“. Das ist ein Politikum und wenn die Eltern stark genug sind, sollten sie diese Missstände über die Medien publizieren.

Es ist bereits fünf nach zwölf in der Pflege_by Dan

Tut mir sehr leid, dass ich Ihnen keine bessere Auskunft geben kann.“

Folgender Sachverhalt lag unserer Anfrage zugrunde:

Wir erfuhren vor kurzem von einer Familie aus Baden-Württemberg, die folgendes Problem schilderte:

Die schwerst mehrfach behinderte und dauerbeatmete Tochter mit Pflegestufe II kam vor einigen Wochen zur Medikamenten-Einstellung und Verlaufskontrolle ins Krankenhaus.

Während des Krankenhausaufenthaltes kündigte der häusliche ambulante Pflegedienst den Vertrag, da er während der Abwesenheit des Mädchens keine Leistungen erbringen und demzufolge auch nicht abrechnen konnte. Ein Vorhalten des Pflegepersonals bis zur Rückkehr aus dem Krankenhaus war dem Pflegedienst zufolge nicht möglich.

Der Krankenhausaufenthalt hätte bereits seit mehreren Wochen beendet werden können, wenn im Anschluss die Versorgung zu Hause durch einen Pflegedienst hätte sichergestellt werden können. Leider fand die Familie trotz größter Bemühungen keinen neuen Pflege-dienst, der ein Team für die Anschlusspflege aufstellen kann, sodass die Klinik den Eltern zunächst entgegenkam und das Mädchen weiter im Krankenhaus behielt.

Ein Elternteil geht einer Vollzeit-Beschäftigung nach, das andere betreut auch noch das Geschwisterkind. Die Pflege ist für die Familie ohne Unterstützung eines Pflegedienstes nicht leistbar, da die Tochter wegen der Beatmungspflicht auch nachts nicht unbeaufsich- tigt bleiben darf.

Die Klinik hat nun aber einen Entlassungstermin festgesetzt, da eine Verlängerung des Aufenthalts medizinisch nicht notwendig und aus Kostengründen auch nicht vertretbar sei. Die einzige Möglichkeit wäre die vorübergehende Unterbringung in einer Kurzzeitpflege, aber die gibt es weit und breit nicht. Die nächste Möglichkeit liegt 130 km entfernt.

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